Diese Frage stellt sich sicher der ein oder andere, wenn er startet oder aber als Zuschauer an einem Wettkampf an einem Dogdance Turnier ist. Hier ist meine persönliche Erklärung für Euch. Ich hoffe, dass Euch hilft klarer zu verstehen, was bei den Richtern am Tisch bzw. in ihren Köpfen abläuft.

 

Was also machen eigentlich diese Richter?

 

Das Team nimmt seine Startposition ein - in Gedanken sage ich „freeze“ und bin nur noch bei dem Team im Ring. So gut es geht, blende ich die Geräusche und das Geschehen rundherum aus. Den Helfer, der Hinter uns die Wertungsblätter trägt, den Helfer der Zeitkontrolle, die Starterin, die verzweifelt versucht mit uns während der Prüfung zu verhandeln, ob sie  nicht doch, trotz vergessenen Lizenzheftlein nachher in der nächsten Klasse antreten darf, die Gedanken an meinen Hund, der in der Box im Auto wartet und dem hoffentlich trotz Minustemperaturen Dank dickem Mäntelchen nicht zu kalt wird.  Nein, das alles und vieles mehr hat jetzt keinen Platz, die nächsten 2.5 Minuten gehören dem Team, welches sich gründlich auf diesen Moment vorbereitet hat.

 

Der Mensch gibt das Startzeichen. Die Musik startet, der Hund läuft schon mal los, schade, das Bild wäre sehr schön gewesen zu diesen ersten Takten. Die Tänzerin ruft den Hund freundlich zu sich zurück, sie finden sich und können dann nach einer kleinen Unterbrechung wieder gemeinsam arbeiten. Sie finden immer besser zusammen, Elemente, Bewegungen passen sehr schön zur Musik, kommen auf den Punkt, auch wenn es recht viele Handhilfen braucht, die ich jeweils gut erkennen kann. Dann Position mit Kopf weg von Frauchen und da ist der Hund wieder raus aus der Konzentration, läuft einen grossen Kreis, während die Halterin freundlich, aber verlegen lächelnd wieder versucht, den Hund in die Choreografie und damit in die Zusammenarbeit zu holen. Auch hier gelingt es wieder, aber der schöne Spannungsbogen, den die beiden künstlerisch präsentieren wollten ist leider nicht mehr da.

Schlussposition - juhu diese klappt. Jetzt noch beobachten, wie sie sich nach dem Tanz verhalten - keine Requisitenkontakt mehr, streicheln ist (zum Glück) wieder erlaubt, raustragen auch… sie gehen gesittet zum Ausgang, draussen bekommt der Hund sein Belohnung… alles gut. . Und jetzt geht es richtig los für mich.

 

Ich habe in der Regel 2-3 Minuten Zeit um das Gesehene zu vergleichen, einzuordnen, meine Eindrücke in „Zahlen zu gießen“, denn bei einer offiziellen Klasse gibt es nachher eine Rangliste und das geht nur  mit Vergleichen zu den anderen Startern und entsprechenden Noten. Möglichst objektiv soll es sein, möglichst angemessen und nachvollziehbar für den Starter und dann noch möglichst ähnlich wie meine beiden Richterkolleginnen. Mit denen darf ich allerdings während meiner Wertung und auch während des Tanzes nicht sprechen, das ist nicht nur einfach eine „Ehrensache“, sondern ist im Reglement so verankert. Die einzigen Momente, in denen wir miteinander sprechen sind am Beginn und am Ende der jeweiligen Klassen oder, wenn es Reglementsverstösse gibt oder Handlungen, die nahe daran sind und wir kurz absprechen müssen, ob wir das weiterlaufen lassen können oder den Tanz abbrechen müssen.

 

Immerhin, ich habe 8 Wertungspunkte, bei denen ich Vergleiche ziehen kann und so meine Beurteilung sehr dezidiert abgeben kann. 4 Künstlerische:

  • Teamwork – hier zählen die Ausstrahlung des Menschen, die Ausstrahlung des Hundes und die Zusammenarbeit von Mensch und Hund.
  • Dynamik – für diese Kategorie werden der tänzerische Ausdruck, rhythmische Variationen, Akzente und Tempo sowie die musikalische Interpretation betrachtet.
  • Konzept – beim Konzept zählen die Musikwahl (passt die Musik zum Team, zum Hund, zum Menschen?), die Idee (welche Ideen aus dem Lied sind wie dargestellt, aufgegriffen und beispielsweise im Kostüm oder in Tricks, Linien, Spannungsbogen erkennbar) und schließlich die Umsetzung.
  • Choreografie – hier sind Aufbau und Struktur relevant, die Ringausnutzung (wobei hier nicht wichtig ist, jede Linie/Ecke des Rings zu besuchen, sondern die Ringnutzung soll zum Team passen und einigermaßen ausgeglichen sein) und die Positionierung bzw. Ausrichtung.

 

Und noch 4 technische Wertungspunkte:

  • Fluss – Konstanz (arbeitet das Team von Anfang bis Ende gleichmässig stark und durchgängig, Timing (kommen Wechsel an passenden Stellen, kommen Laufpassagen passend, arbeiten Hund und Mensch so zusammen, dass die Höhepunkte, Elemente, Tricks und Bewegungen so platziert sind, dass sie gut zur Musik passen und deren Fluss bzw. Akzente aufgreifen) und die Übergänge (also Wechsel zwischen schnellen und langsamen Passagen oder Stop and Go oder aber Wechsel aus einer Laufrichtung in die nächste oder einfach von einer Seite zur anderen).
  • Ausführung – dies beinhaltet die Signalgebung (wie viel ist sichtbar, erkennbar, wie sind Signale in den Tanz integriert), die Reaktion auf Signale (nimmt der Hund die Signale an und führt die gewünschte Bewegung, den gewünschten Trick aus) und die Ausführung selbst (exakt oder weniger korrekt)
  • Inhalt – Elemente und Kombinationen (was für Elemente und Kombinationen zeigt das Team), Balance der Tricks und Bewegungen sowie Variationen
  • Schwierigkeitsgrad – Elemente (sind es schwierige Elemente, sind sie durch ihre Positionierung leichter oder schwieriger?), Kombinationen (zeigt das Team Kombinationen? Sind diese eher einfacher, schwerer, komplexer, innovativer?)

 

 

Bei jeder Kategorie kann ich zwischen 0 und 25 Punkte geben. Wobei ich persönlich noch nie unter 4 Punkte gegeben habe und sehr selten die 25 vergebe. Die Punkte sind noch in „Gruppen“ unterteilt, mir hilft das immer sehr, zu entscheiden, in welchem Bereich ich das Gesehene ansiedeln möchte.

 

0-5 – Mangelhaft; 6-10 Ausbaufähig; 11-15 Gut; 16-20 Sehr Gut; 21-25 - Außergewöhnlich

 

Bei der Wertung beginne ich in der Regel mit der Teamarbeit. Hat der Hund viel weggeschaut oder geschnuppert? Hat er sich gekratzt, sehr oft? Wie war die Ausstrahlung des Teams, wie haben sie wieder zusammen gefunden, war der Umgang freundlich, hat der Hund so ausgesehen, als ob ihm das Ganze Freude macht? Das sind alles Fragen, welche ich mir stelle um danach dann noch zu sehen: wie war dies bei den vorherigen Startern? Wenn dieses Team hier 14 Punkte bekommt, habe ich sie dann höher oder tiefer als andere bewertet und stimmt das dann im Gesamtbild, oder muss ich ihnen weniger/mehr geben, weil sie im Vergleich schlechter/besser waren?

 

Solche und ähnliche Fragen stelle ich mir spezifisch bei jedem Wertungspunkt und versuche es so sachlich und objektiv wie möglich zu beantworten. Es gibt Wertungspunkte, in denen die Rasse/Mix eine Bedeutung hat. Für einen langsamen Hund ist es nicht so einfach möglich, die gleiche Anzahl Tricks zu zeigen, wie für einen schnellen Hund. Ein grosser, ruhigerer Hund kann unter Umständen nicht jede Ecke des Rings ablaufen, ein kompakter, flinker Hund eventuell schon. Nicht jeder Hund kann jeden Trick zeigen, nicht jeder Mensch kann das. Einen Beinslalom mit einem Neufundländer zu zeigen ist beinahe unmöglich, vor allem auch dann, wenn der Menschen eventuell eher kurze Beine hat. Ähnliches gilt für den Rückensprung. Dafür zeigt der große, ruhige Hund eventuell ein deutlich besseres Timing, als der kleine Wuschelhund. Diese Aspekte zu berücksichtigen und zu vergleichen und letztendlich dann auch in eine ranglistenrelevante Punkteskala einzuordnen ist immer wieder anspruchsvoll aber auch spannend.

 

So gehe ich Wertungspunkt für Wertungspunkt durch und wäge ab. Mir gefällt das Denken beim Richten in unserem Sport: es geht darum Punkte zu geben, abzuwägen ob das Gezeigte in das Niveau der Klasse passt. Das ist anders als in manchen anderen Sportarten, bei den man mit beispielsweise 100 Punkten startet und dann pro Fehler Punkte verliert.

 

Beim Inhalt haben wir in unseren Anfangszeiten (vor 8-10 Jahren) die Anzahl Tricks gezählt, heute schauen wir darauf, ob das was präsentiert wird ungefähr den Anforderungen der Klasse entspricht. Allerdings gibt es kein Schema, welches sich hier anwenden ließe. Einzig, beim Heelwork kann man etwas genauer „hinschauen“ - ich zähle dort die Anzahl Positionen, aber auch die Bewegungsrichtungen und die Tempi. Nur: mit vielen Positionen alleine gewinnt man eine Heelworkklasse nicht, auch die anderen Wertungspunkte spielen hier mit. Neben dem Inhalt eben auch die Korrektheit und die Signalgebung und eben auch die künstlerischen Wertungspunkte.

 

Schließlich haben wir Abzüge - es können eben auch Dinge passieren, die im Dogdance gegen Regeln verstoßen. Dazu gehört das Lautäußerungen, aber auch Luftschnappen, dann je nach Trick auch das Anfassen (wird die Pfote mit der ganzen Hand festgehalten oder legt der Hund diese freudig und vertrauensvoll in die offene Hand zum Beispiel), laute und unangemessene Kommandogebung bis hin zu starkem psychischen Druck - wäre der Aspekt „Verhalten gegenüber dem Hund“. Die vom Team gewählten Requisiten können auch zu Abzügen führen. Sei es, dass sie nicht genutzt werden und nur als Dekoration da stehen - sowas findet sich dann eher beim Konzept - aber eben auch von der Art und Weise wie sie beschaffen ist und ihm Tanz eingebaut wird. Eine zu rutschige Requisite, zu steil oder in anderen Aspekten nicht angemessene Requisite kann zu Abzügen führen.

 

Ein letzter Punkt sind Disqualifikationen. Sprechen wir als Richterteam eine solche aus, ist dies nie ein leichtfertiger Entscheid. Wir wägen das Wohl des Hundes ab, auch das was der Starter in dem Start erreichen wollte, aber vielleicht nicht konnte und eben die Grenzen, die uns das Reglement hier setzt. Das ist auch der Punkt, an dem wir als Richterteam miteinander sprechen, gemeinsam abwägen und dann entscheiden.

 

Nach ca. 20 Startern ist dann Pause - wir besprechen die Klasse im und vergleichen unsere individuellen Noten mit denen der anderen Richter und versuchen auch immer daraus unsere Lehre für kommende Klassen zu ziehen. Wir sind immer wieder alle bemüht, unsere Ergebnisse zu vergleichen und anzugleichen, damit es für Starter nachvollziehbar ist, warum sie wie viele Punkte erhalten haben. Diese Gespräche helfen allen, sowohl den Richterneulingen, die von der Erfahrung der „alten Hasen“ profitieren alsauch umgekehrt, wenn es darum geht, Dinge und Sichtweisen zu finden, die noch nicht gekannt waren.

 

 

Der einzige Punkt wo eventuell etwas mehr Subjektivität zum  Tragen kommen kann, ist der Wertungspunkt „Konzept“ - vor allem dann, wenn es dem Richter nicht gelingt, die Idee der Choreografie im Zusammenspiel mit Musik, Kostüm und Umsetzung zu verstehen. Und trotzdem sieht keiner der Richter dies als „Freibrief“ für niedrigere Punkte. Wenn ich ein Musikstück zu hören bekomme, welches mir nicht gefällt oder ich denke, dass es für das Team nicht passt oder ich eben denke, dass das Konzept nicht zum Team passt, versuche ich gleichwohl zu schauen, welche Aspekte passend umgesetzt sind und damit eben auch, in welcher Form ich die Gedanken, die sich das Team dazu gemacht hat, honorieren kann.

 

„Time is up“ sagt der Timer, das nächste Team ist bereit und meine Aufmerksamkeit und Gedanken sind bereit für den nächsten Tanz.

 

 

   
© Carmen Schmid